Aus Ahrtal wird SolAHRtal: die aktuelle Situation

Ver­öf­fent­licht am 17. August 2021

Zuletzt aktua­li­siert am 4. Juli 2022

Rund ein Jahr nach der Flut­ka­ta­stro­phe im Ahr­tal ist es Zeit, ein Resü­mee zu ziehen.
Was ist aus den ursprüng­li­chen For­de­run­gen des Run­den Tisches Erneu­er­ba­re Ener­gien und dem dar­aus ent­wi­ckel­ten Pro­jekt­vor­schlag „Nach­hal­ti­ger Wie­der­auf­bau und Nut­zung rege­ne­ra­ti­ver Ener­gien im Kreis Ahr­wei­ler“ geworden?
Eine aktu­el­le Ein­ord­nung und die kom­plet­te His­to­rie in die­sem Beitrag.

Die Flut­ka­ta­stro­phe im Ahr­tal fand vor rund einem Jahr statt. Bereits einen Monat nach der Flut­ka­ta­stro­phe hat der Run­de Tisch Erneu­er­ba­re Ener­gien sei­ne For­de­run­gen hin­sicht­lich der Ent­wick­lung des Ahr­tals zu einer Modell­re­gi­on auf­ge­stellt, Bund und Län­der haben 30 Mil­li­ar­den Euro für den Wie­der­auf­bau bereitgestellt.
Was ist seit­dem passiert?

Im Lau­fe der Zeit ist aus der ursprüng­li­chen For­de­run­gen durch die kon­struk­ti­ve Zusam­men­ar­beit vie­ler Akteu­re, der soge­nann­ten „SolAHR­tal-Initi­ta­ti­ve“, ein sehr kon­kre­ter Pro­jekt­vor­schlag ent­stan­den. Frau Prof. Dr. Clau­dia Kem­fert hat dazu freund­li­cher­wei­se eine Prä­am­bel verfasst.

Heu­te muss man fest­stel­len, dass Bund und Län­der zwar Geld für den Wie­der­auf­bau zur Ver­fü­gung gestellt, dabei aber eine wesent­li­che Ursa­che der Kata­stro­phe „ver­ges­sen“ haben. Kon­kret geht es um die Ver­bren­nung fos­si­ler Ener­gien und den damit ein­her­ge­hen­den Aus­stoß von Treibhausgasen.

Aus Regie­rungs­sicht fehlt es dazu an einer gesetz­li­chen Grund­la­ge, damit im Rah­men des Wie­der­auf­baus im Ahr­tal Öl- oder Erd­gas­hei­zun­gen durch Erneu­er­ba­re Ener­gien ersetzt werden.

Zusam­men­fas­send: Die SolAHR­tal-Initi­ta­ti­ve hat in mehr­mo­na­ti­ger Arbeit ein köst­lich lecke­res EE-Buf­fet zube­rei­tet und die­ses rele­van­ten Entscheider*innen zuge­lei­tet bezie­hungs­wei­se vorgestellt.
Uner­klär­lich ist, war­um rele­van­te Entscheider*innen immer noch kei­ne Mög­lich­keit geschaf­fen haben, damit die Betei­lig­ten vor Ort die­se lecke­re Nah­rung am gedeck­ten Buf­fet-Tisch gemein­sam zu sich können.

Das Nach­rich­ten­ma­ga­zin Focus hat im Juli 2022 aus­führ­lich über das Pro­jekt berich­tet (auch Mit­ar­bei­ten­de am RTEE kom­men zu Wort) und auch ein Video pro­du­ziert. Freund­li­cher­wei­se hat man uns das Video zur Ver­öf­fent­li­chung auf die­ser Web­site zur Ver­fü­gung gestellt.

Video mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von FOCUS Online, Dau­er: 5:59 Minuten.

Auch die Frank­fur­ter Rund­schau hat über das Pro­jekt berich­tet.

ener­gie­zu­kunft, das Por­tal für Erneu­er­ba­re Ener­gien und die bür­ger­na­he Ener­gie­wen­de, fasst die Situa­ti­on hier tref­fend zusammen.

Der Projektvorschlag „Nachhaltiger Wiederaufbau und Nutzung regenerativer Energien im Kreis Ahrweiler“ beim WorldRenewDay2022

Rai­ner Doemen, Mit­in­itia­tor und Impuls­ge­ber des Run­den Tisch Erneu­er­ba­re Ener­gien, hat den Pro­jekt­vor­schlag der Solar­tal-Initia­ti­ve am 25. Juni beim WorldRenewDay2022 vor­ge­stellt. Er ist davon über­zeugt, dass „eine Ent­schei­dung zur Umset­zung des Pro­jekt-Vor­schla­ges einen bun­des­wei­ten, wenn nicht sogar welt­wei­ten Nach­ahm-Effekt aus­lö­sen“ wür­de und allein die­ser Aus­blick es wert ist, den Start­schuss zu erteilen.

Präambel von Prof. Dr. Claudia Kemfert

Die SolAHR­tal-Initia­ti­ve möch­te mit ihrem Pro­jektvor­schlag “Nach­hal­ti­ger Wie­der­auf­bau und Nut­zung rege­ne­ra­ti­ver Ener­gien im Kreis Ahr­wei­ler” modell­haft vor­ma­chen, wie eine inte­grier­te kom­mu­na­le Infra­struk­tur­pla­nung funk­tio­nie­ren kann. Die Erneu­er­ba­ren Ener­gien – ins­be­son­de­re die Son­nen- und die Wind­ener­gie in Kom­bi­na­ti­on mit Bio­mas­se – sol­len für eine erneu­er­ba­re Strom­ver­sor­gung bedarfs­de­ckend aus­ge­baut, durch ein vir­tu­el­les Kraft­werk ver­knüpft und über­wie­gend lokal genutzt wer­den. Es soll dar­über hin­aus unter Berück­sich­ti­gung loka­ler Gege­ben­hei­ten eine erneu­er­ba­re Wär­me­ver­sor­gung sicher­ge­stellt wer­den: durch Wär­me­net­ze oder durch Wär­me­pum­pen, auf Basis einer fach­lich fun­dier­ten kom­mu­na­len Wärmeplanung.

Die Sek­to­ren Strom und Wär­me und eine – im Rah­men einer Mobi­li­tät der Zukunft – zuneh­men­de Elek­tro­mo­bi­li­tät, müs­sen gemein­sam zukunfts­fä­hig auf­ge­stellt wer­den. Hier gibt es direk­te tech­ni­sche Wech­sel­wir­kun­gen über das Strom­netz. Ande­rer­seits sind in die­se Ent­wick­lun­gen auch die Bürger*innen (Schaf­fung von Akzep­tanz und Hebung von Mit­mach-Effek­ten) und die kom­mu­na­len Ebe­nen ein­zu­be­zie­hen (z. B. in der Flä­chen­pla­nung und der Ver­ga­be von Konzessionen).

Die­sen Pro­zess schnellst­mög­lich in einem Gesamt­kon­zept anzu­ge­hen und alle gesell­schaft­li­chen Akteur*innen in erprob­ten kom­mu­ni­ka­ti­ven und par­ti­zi­pa­ti­ven For­ma­ten ein­zu­be­zie­hen, ist Inhalt des Pro­jekt­vor­schlags und gleich­zei­tig die Auf­ga­be aller Kom­mu­nen in Deutsch­land im aktu­el­len Jahr­zehnt. Aller­dings gibt es für eine solch umfas­sen­de inhalt­li­che und zeit­lich über­lap­pen­de Her­an­ge­hens­wei­se kei­ne Patent­re­zep­te, weil jede Regi­on ihre eige­nen Anfor­de­run­gen for­mu­lie­ren und ihren Umset­zungs­fahr­plan gene­rie­ren muss.

Der gut aus­ge­ar­bei­te­te Pro­jekt­vor­schlag der Initia­ti­ve mit kom­pe­ten­ten Part­nern for­dert Bund, Land und Kreis gemein­sam. Nur mit einer fort­lau­fen­den, ziel­ori­en­tier­ten und finan­zi­el­len Unter­stüt­zung des auf Kreis­ebe­ne poli­tisch gewoll­ten Pro­jek­tes sind die ambi­tio­nier­ten, kli­ma­wis­sen­schaft­lich begrün­de­ten Zie­le umsetzbar.

Der Kreis Ahr­wei­ler hat Gro­ßes im Bereich des Wie­der­auf­baus nach der Über­flu­tungs­ka­ta­stro­phe zu stem­men. Durch ein enges Zusam­men­wir­ken von Bun­des- und Lan­des­ebe­ne mit der Kreis­ver­wal­tung kön­nen per­so­nel­le Ent­las­tung und fach­li­che Unter­stüt­zung für den Kreis Ahr­wei­ler gewähr­leis­tet wer­den. Wenn es den poli­ti­schen Akteur*innen gelingt, auf die­ser Basis einen gemein­sa­men Wil­len und Weg zu ver­ein­ba­ren, das Ahr­tal zum SolAHR­tal zu machen, kann ein sol­cher ganz­heit­li­cher Neu­an­fang bei Pla­nung und Umset­zung der Ener­gie­ver­sor­gung zum Vor­bild für vie­le Kom­mu­nen in Deutsch­land werden.

Prof. Dr. Clau­dia Kem­fert lei­tet seit April 2004 die Abtei­lung Ener­gie, Ver­kehr, Umwelt am Deut­schen Insti­tut für Wirt­schafts­for­schung (DIW Ber­lin) und ist Pro­fes­so­rin für Ener­gie­wirt­schaft und Ener­gie­po­li­tik an der Leu­pha­na Uni­ver­si­tät. Seit 2016 ist sie Mit­glied in den Sach­ver­stän­di­gen­rat für Umwelt­fra­gen beim Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Umwelt, Natur­schutz, Bau und Reaktorsicherheit.
Clau­dia Kem­fert forscht zu den öko­no­mi­schen Effek­ten der Klima‑, Ener­gie- und Ver­kehrs­po­li­tik. Zuletzt erschien ihr Buch „Mon­days for Future“ im Mur­man Verlag.

„Nachhaltiger Wiederaufbau und Nutzung regenerativer Energien im Kreis Ahrweiler“: Der Projektvorschlag

Hier fin­den Sie den aus­ge­reif­ten Pro­jekt­vor­schlag, der seit Mai 2022 vor­liegt und an dem über 40 ehren­amt­li­che Betei­lig­te aus ver­schie­de­nen wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen, Fach­ver­bän­den, gemein­nüt­zi­gen Ver­ei­ni­gun­gen und Bera­tungs­dienst­leis­ter betei­ligt waren.

Jedes ein­zel­ne Hand­lungs­feld wie zum Bei­spiel Raum- und Flä­chen­pla­nung, Wär­me­ver­sor­gung oder Land­nut­zung ent­hält dar­in Anga­ben zum jewei­li­gen Ziel und zu kon­kre­ten Maßnahmen.

Kli­cken Sie ein­fach auf den nach­fol­gen­den But­ton, um den Pro­jekt­vor­schlag zu lesen und herunterzuladen.

Unser ursprünglicher Beitrag: Ahrtal? Solahrtal!

Aus dem Ahr­tal soll ein Solar­tal wer­den. War­um das sinn­voll ist, was dazu pas­sie­ren muss und wel­che Chan­cen sich dadurch bie­ten, erfah­ren Sie in die­sem Beitrag.

Pres­se­mit­tei­lung des Solar­ver­eins Gol­de­ne Mei­le e. V.,
ver­ant­wort­lich: Klaus Karps­tein, Mit­ar­beit Bea­tri­ce Bed­narz, S4F

Spä­tes­tens jetzt ist der Zeit­punkt gekom­men, an dem der Wie­der­auf­bau im Ahr­tal in grund­le­gend neu­er Wei­se erfol­gen soll­te. Spä­tes­tens jetzt muss die schon längst nöti­ge Umstel­lung der Ener­gie­ver­sor­gung aus sola­ren Quel­len kom­men. Fos­si­le Quel­len stö­ren das atmo­sphä­ri­sche Gefü­ge der­art, dass zuneh­mend lebens­be­droh­li­che Wet­ter­ge­scheh­nis­se ein­tre­ten werden.

Destabilisierung der Lufthülle mindern

Wir schla­gen vor, dass das Ahr­tal zum Solar­tal wird, damit wir einen Bei­trag dazu leis­ten, die Desta­bi­li­sie­rung der Luft­hül­le zu min­dern: Nied­ri­ge­re Tem­pe­ra­tu­ren bewir­ken gerin­ge­re Was­ser­auf­nah­me der Luft über den Mee­ren und damit aus­ge­gli­che­ne­re Nie­der­schlä­ge. So sagt uns das die Phy­sik. Daher muss der Wie­der­auf­bau nach der Flut­ka­ta­stro­phe dar­auf abzie­len, die fos­si­len Tech­no­lo­gien zu 100% durch rege­ne­ra­ti­ve zu ersetzen.

Nichtregierungsorganisationen fordern 100 % erneuerbaren Energien

Vertreter*innen von mehr als 25 am „Run­den Tisch — Erneu­er­ba­re Ener­gien“ regel­mä­ßig tagen­den Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen for­dern einen schnellst­mög­li­chen Auf­bau mit 100 % erneu­er­ba­ren Ener­gien. Die Flut­ka­ta­stro­phe im Juli hat erneut gezeigt: Wir sind mit­ten in der Kli­ma­kri­se, und es wäre mas­siv fahr­läs­sig, sie nicht ernst zu neh­men. Allein in Rhein­land-Pfalz und Nord­rhein-West­fa­len gab es über 180 Tote und Schä­den in Mil­li­ar­den­hö­he. Jetzt muss ein durch­dach­ter, nach­hal­ti­ger und zukunfts­ori­en­tier­ter Wie­der­auf­bau fol­gen, der den leid­ge­plag­ten Bürger*innen eine lebens­wer­te Zukunft gewährleistet.

Das Ahrtal kann zur Modellregion werden

Bund und Län­der haben dafür am 10. August einen Wie­der­auf­bau­fond von 30 Mil­li­ar­den Euro beschlos­sen. Wich­tig ist, dass nicht nur der Hoch­was­ser­schutz berück­sich­tigt wird, son­dern dass die Gebäu­de und die Infra­struk­tur auf 100 % erneu­er­ba­re Ener­gien umge­rüs­tet wer­den. So kön­nen der Nord­rand der Eifel und das Ahr­tal zur Modell­re­gi­on für den Kli­ma­schutz wer­den und dazu bei­tra­gen, wei­te­ren Kli­ma­ka­ta­stro­phen best­mög­lich vorzubeugen.

Bild­nach­weis:
Titel­bild von KurtRo­senow auf Pixabay
Clau­dia Kem­fert foto­gra­fiert von Rei­ner Zensen